FlatPress My FlatPress blog FlatPress Admin 2020 2020-12-05T18:42:11+00:00 Admin ~/ Vom Rebell zum Schaf und vice versa - wie wir uns in der Krise verändern ~/?x=entry:entry200419-014451 2020-04-19T01:44:51+00:00 2020-04-19T01:44:51+00:00

Querdenker, Hochbegabte und vor allem hochbegabte Querdenker haben es in diesen Tagen, den “Corona-Tagen”, besonders schwer. Schon immer hatte sie das Bedürfnis vereint, Dinge zu hinterfragen, Informationen zu sammeln, Pro und Contra anzuhören - um sich dann eine eigene Meinung zu bilden. Sie suchen Lösungen, die ihnen logisch erscheinen. Weder die allgemeine Meinung beeinflusst sie dabei wesentlich, noch “Autoritäten”, deren Aussagen sie nicht nachvollziehen können. Die meisten Querdenker sind es gewohnt, damit anzuecken. Denn nicht selten kommen sie zu einem Ergebnis, dass dem des Mainstreams widerspricht.

Seit ein paar Wochen jedoch ist dieses Anecken für viele zum Spießrutenlauf geworden. Mit einer Vehemenz, die sie sonst nicht kennen, werden sie darüber belehrt, dass ihre Meinung falsch und ihre Zweifel gefährlich seien. Die Wut, die einem von verängstigten Menschen entgegenschlägt, kann sehr einschüchternd sein.

Das alleine ist schon verstörend genug. Noch belastender aber ist für viele meiner Klienten die Enttäuschung über die Menschen in ihrem nahen Umfeld.

“Meine Freundin ist eine kluge, gebildete Frau und sie war eigentlich immer kritisch und differenziert im Denken. Ich kann nicht glauben, dass sie jetzt noch nicht einmal mehr bereit ist, mit mir zu diskutieren “

Sie erzählen von eigentlich freigeistigen Freunden, die keine zweite Meinung mehr gelten lassen. Von Bekannten, die sonst auf die manipulative Presse schimpfen, aber auf einmal alles glauben, was in den Mainstream-Medien steht. Von regierungskritischen Verwandten, die plötzlich in den Taten der Politiker nur noch altruistische Motive sehen.

Was also bringt Menschen dazu, ihr kritisches Denken und ihre Aufgeklärtheit in Krisenzeiten abzugeben - sie manchmal sogar ins Gegenteil zu kehren?

Eine mögliche Erklärung könnte einer der größten Konflikte liefern, die wir alle seit Kindheit haben: der Konflikt zwischen Autonomie und Abhängigkeit, oder auch Autarkie und Versorgung. Er ist ein Grundkonflikt, überragt alle anderen Konflikte und kann zu einem Gefühl existentieller Bedrohung führen. Innerhalb dieses Konfliktes wägen wir ab, was uns wichtig ist und wo wir Kompromisse schließen können. Das Ergebnis daraus wiederum entscheidet, wo wir unseren Platz in der Gesellschaft finden. Ob wir Familienmensch werden oder Single bleiben, Mitläufer oder Revolutionär sind, Partymensch oder Eremit - oder irgendetwas dazwischen. Weiter gegriffen ist es auch ein Konflikt zwischen dem Bilden und Äußern der eigenen Meinung auf der einen, Geborgenheit und Schutz der Gemeinschaft auf der anderen Seite.

Innere Konflikte verstärken sich in Krisensituationen. Und ein verstärkter Konflikt bedeutet, dass Prioritäten und Kompromisse neu überdacht werden. Nach J. Brehm reagieren wir unter äußerem Druck und Einschränkungen - beides haben wir ja gerade zur Genüge - mit drei verschiedenen Reaktionsmustern: Reaktanz, Lethargie oder Überkonformität.

Eine Krise, ein Konflikt, aber verschiedene Reaktionsmuster.

Wer mit Reaktanz reagiert, sieht sich im Moment seiner Möglichkeit zum offenen Diskurs beraubt. Der Drang zum Diskutieren und zum Kontra geben wird dadurch größer – aus Trotz und Widerstand. Die gepriesene Solidarität schreckt diese Gruppe eher ab: sie impliziert zu viel „Abhängigkeit“ gegenüber der „Autonomie“.

Lethargisch werden am ehesten Menschen reagieren, die sich oft unkontrollierbaren Situationen ausgesetzt sahen. Sie sind überzeugt: „Ich kann ja sowieso nichts ändern.“ Abhängigkeit wird hier als gegeben hingenommen, weil Autonomie-Erfahrungen zu selten waren.

Bei der Überkonformität liegt der Wunsch nach Harmonie zugrunde, nach Zusammengehörigkeit und auch danach, dass es jemand „schon richten wird“. Für diesen Zweck werden gesellschaftliche Normen zu absoluten Geboten und jede Zuwiderhandlung stellt eine potentielle Bedrohung dar. Hier wird der Schwerpunkt auf  „Versorgung“ gelegt, auf Kosten der „Autarkie“.

Unsere Reaktionsmuster hängen also nicht nur von Charakter und Vorerfahrungen ab, sondern auch von unserer persönlichen Gewichtung von „Autarkie und Versorgung“. Vielleicht mag uns diese Erkenntnis mehr Gelassenheit geben, wenn es die Freundin wieder ablehnt zu diskutieren.

Sobald uns die Angst, die Unsicherheit und die Einschränkungen nicht mehr beherrschen, werden sich die Fronten mit Sicherheit wieder aufweichen und eine Annäherung kann stattfinden. Eine Aufarbeitung unserer Differenzen wird sich aber auch dann als schwierig erweisen. Kaum einer wird erkennen, dass der andere ja eigentlich recht hatte. Wir akzeptieren Lösungen erst ab dem Zeitpunkt, an dem wir sie erkennen (können).